Das Märchen vom SEO Sandstrand

Manches Erbe ist schwer zu tragen. Der Name Siegbert zählt zweifelsohne zu diesen Erblasten. Bei aller Bescheidenheit, er war doch wirklich ein süßes Baby. Mit rosigen Pausbäckchen und einem pechschwarzen Haarbüschel auf dem kleinen Kopf. Nicht, dass er sich an seine ersten Lebenstage erinnern könnte, aber all die Fotos lassen schlichtweg kein anderes Urteil zu. Er war süß! Verdammt süß! All das nutzte dennoch nichts, denn seine Eltern nannten ihn weder Alex noch Marc oder Tom, sondern eben Siegbert. Tradition und Elternliebe schließen einander nicht aus. Damit teilte er also das Schicksal von vielen Generationen männlicher Vorfahren väterlicherseits. Letztlich war er nicht viel mehr als eine Nummer, er war Siegbert Ohnesorg, der x-te. 

Es war lediglich ein schwacher Trost, dass seine Mutter ihn überwiegend „Häschen“ nannte. Bereits im Kindergarten lachten die anderen darüber. Wobei Siegbert, da beißt die Maus nun mal keinen Faden ab, eben auch keine bessere Alternative gewesen wäre. Pest oder Cholera.

Als er in die Schule kam wurde es nicht besser. Er vermied es konsequent sich zu melden, damit die Lehrer ihn bloß nicht mit Namen ansprachen. In seinem Zeugnis hieß es zuverlässig, er wäre in Sachen aktiver Mitarbeit leider recht wenig engagiert. Aber vielleicht hielten sie ihn auch nur für dumm. Man weiß es nicht. 

Einen Teil der Sommerferien verbrachte er mit seinen Eltern jedes Jahr auf Mallorca. Das war, wie er zugeben musste, tatsächlich eine durchaus schöne Tradition. Selbstverständlich wohnten sie im selben Hotel, das genaugenommen eine kleine Pension war. Hausherr Juan, ein hagerer Spanier mit tiefen Falten, begrüßte die Ohnesorgs daher längst wie alte Freunde. „Mucho gusto! Buenos dias la familia buena! Seniora Ohnso, Senior Ohnso y niño pequeño. Mucho gusto!“

Während seine Eltern entspannten, freundete er sich stets schnell mit den Kindern der anderen Urlauberfamilien an. Und wie das so ist bei nicht auf Dauer angelegten Bekanntschaften, verrät man diesen nicht unbedingt den realen Namen. Der ohnehin nichts zur Sache tat, denn aufgrund seiner geradezu göttlichen Fußballkünste nannten sie ihn kurzerhand Schweini. Er verzieh es, denn ganz offensichtlich sahen sie ihn in einer Liga mit Bastian Schweinsteiger spielen. Das schmeichelte ihm nicht nur, es adelte ihn gerade zu. Er war ein Schweini. Wow!

Als er ans Gymnasium wechselte, was er – wider aller Unkenrufe der Lehrerschaft – mit Leichtigkeit geschafft hatte, blieb sein fußballerisches Talent nicht lange unentdeckt. Sein Sportlehrer wurde auf ihn aufmerksam, nahm ihn unter seine Fittiche und war schon bald weitaus mehr als nur Lehrer und Trainer. Beide hatten neben der Leidenschaft für Sport eine noch ganz andere Gemeinsamkeit, die sie verband. 

Wenn er so recht überlegte, hatte es Herrn Knüllefick beinahe noch ein wenig härter getroffen als ihn, Siegbert Ohnesorg den x-ten. Ziemlich sicher war das auch mit ein Grund, weshalb der Sportlehrer rasch sein Vertrauen gewann und er ihm schließlich das Leid ob seines Namens anvertraute. Der Sportlehrer konnte seine Sorgen und Ängste verstehen und zeigte sich überaus empathisch. Er mochte seinen Schüler sehr und erkannte in ihm großes sportliches Potential. Vor allem aber konnte er die Angst vor all den Spott und Hohn gut nachvollziehen, der einem wegen eines nicht ganz so passenden Namens begegnet. Wenn er sich zu Beginn eines neuen Schuljahres mit einer noch unbekannten Klasse mit „Mein Name ist Knüllefick, ich unterrichte Euch in Sport“ vorstellte, war es um die beste Erziehung seiner Schüler geschehen.  

Just zu jener Zeit feierte der Film „Underworld: Awakening“ weltweit große Erfolge und hielt folglich auch in den deutschen Kinos Einzug. Während bei den männlichen Zuschauern vor allem die mit Kate Beckinsale besetzte weibliche Hauptrolle für Begeisterung sorgte, erlagen die die weiblichen Kinobesucher reihenweise dem Charme und Aussehen von Theo James in der Rolle des David. Langer Film, kurzer Sinn – und zurück zum Kontext. Herrn Knüllefick fiel nämlich die wirklich absolut verblüffende Ähnlichkeit des Schauspielers mit seinem Schüler auf und genau das brachte ihn auf eine Idee. 

Mit einem mulmigen Gefühl hatte er sich darauf eingelassen, dass Herr Knüllefick ihn für das Talentturnier des DFB anmeldet. So sehr er Fußball liebte und so genial er den Ball beherrschte, so sehr hasste er seinen Namen. Er haderte oft mit seiner Entscheidung und im Traum hörte er oft die ihn verhöhnenden Stimmen von den Zuschautribünen. Er fürchtete sich vor der Allmacht des unseligen Namens, davor, dass dieser sein spielerisches Können völlig in den Hintergrund geraten lässt. Selbst wenn er brillieren würde, welcher Verein hätte einen wie ihn, den x-ten, denn bitteschön gerne in der Aufstellung? Und wie unsexy wäre eine Nationalmannschaft, die er, der x-te, zu einer internationalen Lachnummer werden lassen würde. 

Es war ein Dienstagmorgen als Herr Knüllefick in der großen Pause auf ihn zukam. Eigentlich wollte er gerade noch ein paar Latein-Vokabeln lernen, doch das breite Grinsen des Sportlehrers hielt ihn irritiert davon ab. Der überreichte ihm mit einem „Gratuliere!“ einen großen Umschlag und sah ihn beinahe ein wenig amüsiert, zweifelsfrei jedoch schweigend an. Es half alles nichts, er musste den Umschlag öffnen. 

Tatsächlich, es war eine Einladung des DFB. Doch was war das? Ein Irrläufer? Sie war überhaupt nicht an ihn gerichtet, sondern an einen Theo Ohnesorg. Fragend sah er Herrn Knüllefick an? „Das hat alles seine Richtigkeit“, beruhigte der ihn. Dann erzählte er ihm, dass er mit dem Segen und der Unterstützung der Rektorin die offizielle Anmeldung ein wenig verändert hätte. Die sei, was niemand an der Schule wusste, nämlich seine Schwester und zudem noch ein großer Fan von Theo James. Das Ganze wäre natürlich absolut rechtssicher und selbstverständlich würde sein neuer Name auf dem Trikot stehen.  

Theo überzeugte beim Turnier auf ganzer Linie und wurde in den U18-Kader des DFB aufgenommen. Er wechselte auf ein Sportgymnasium und hatte schon bald eine durchaus stattliche Fangemeinde vorzuweisen. Seine Ähnlichkeit mit dem angesagten britischen Schauspieler blieb vor allem den weiblichen Fans nicht verborgen und so blieb es nicht aus, dass sie seinen Namen binnen kürzester Zeit ausschließlich englisch aussprachen. 

Mittlerweile ist Theo längst im internationalen Fußballbusiness angekommen, namhafte Vereine aus aller Welt bieten zweistellige Millionenbeträge für ihn. Als Stammspieler in der Nationalmannschaft ist er eine feste Größe und sicherer Torgarant.

Noch immer aber verbringt er jeden Sommer drei Wochen auf Mallorca. In derselben Pension, in der er schon als Kind mit seinen Eltern war. Jedes Jahr lädt er junge Fußballtalente dazu ein, denen er im Trainingscamp direkt am Strand eine Menge Tricks. Für die Kids sind die Tage mit ihrem SandstrandSEO zweifellos das Highlight des Jahres. Und auch Juan, der hagere Pensionswirt mit den tiefen Falten, ist begeistert. „Buenos dias Seniore SandstrandSEO. Muy bien, muy bien!“.

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